Neuer Personenkult, alte Geschichtslosigkeit?

1. Zeitlos aktuell: Grundproblematik im raschen akustischen Überblick – gesendet schon 1997 in einer Hörfunk-Dokumentation des ORF (Journal Panorama von Gerald Lehner, Radio Ö1). Hier zum Nachhören:
Teil 1 (MP3-Download)
Teil 2
Teil 3

2. Neuer Personenkult im „Haus der Natur“
Die frühere Eduard-Paul-Tratz-Forschungsstation in den Hohen Tauern heißt nach einem mehrjährigen Zwischenspiel als Haus der Natur-Station neuerdings Eberhard-Stüber-Station. Damit setzen Bundes- und Landespolitik sowie das „Haus der Natur“ in der Stadt Salzburg eine Tradition des Personenkultes fort. Dessen Anfänge reichen wissenschaftsgeschichtlich zurück zum SS-Imperium von Heinrich Himmler. Erwähnt wird das in offiziellen Darstellungen zur neuerlichen (mittlerweile zweiten) Umbenennung nicht. Und zur 2014  abgeschlossenen „Aufarbeitung“ der Geschichte des Naturkundemuseums gibt es noch immer viele Fragezeichen. Wir schreiben nun Juni 2015 – genau 70 Jahre nach Kriegsende.

Würden Naturwissenschafter, Politiker und Manager in gegenseitigen Abhängigkeiten solche realen Geschichte(n)  nicht immer wieder ermöglichen, dann müssten Kabarettisten und Romanciers sie erfinden. Der Personenkult rund um das mit Steuergeld finanzierte Naturkundemuseum „Haus der Natur“ (HDN) in der Stadt Salzburg und den Nationalpark Hohe Tauern geht nun in die nächste Runde. Dieses Mal dreht es sich wieder um die 1989 (!) eröffnete und damals nach dem Museumsgründer und SS-Obersturmbannführer Eduard Paul Tratz benannte Forschungsstation an der Großglockner-Hochalpenstraße bei Fusch (Pinzgau). Sie wurde 2014 zu ihrem 25-Jahr-Bestandsjubiläum in „Eberhard Stüber Forschungsstation“ umbenannt. Das ist schon der dritte Name für diesen Standort. Der Name Tratz hatte Ende der 1990er-Jahre für öffentliche Kritik und heftige Debatten gesorgt. Deshalb musste die Station damals unter dem Druck des sozialdemokratischen Landespolitikers und Reformers Gerhard Buchleitner in „Haus der Natur-Forschungsstation“ umbenannt werden. Buchleitner findet nun die neuerliche Umbenennung zur Stüber-Station alles andere als verständlich. Er hat als politischer Pensionist von der Vorgangsweise der Verantwortlichen nach eigenen Angaben mittlerweile „die Nase voll“.

Himmlers Berater als Idol in der Zweiten Republik?

Mit der Eberhard Stüber-Station bekommt nun ein besonderer Mann sein Denkmal. Der mittlerweile betagte Biologe und langjährige Direktor im „Haus der Natur“ in der Stadt Salzburg hat über Jahrzehnte die Aufarbeitung der Ära seines Vorgängers Tratz – und nationalsozialistischer Verbrechen in dessen Dunstkreis – verhindert. Mit großem Erfolg. Und Stüber war es auch, der Ende der 1980er-Jahre die Gründung der „Eduard Paul Tratz Forschungsstation“ veranlasst hatte. Himmlers enger Mitarbeiter Tratz war Stübers Lehrer, sein Vorbild als Naturforscher und Vorgänger als Museumschef. Der heutige HDN-Direktor Norbert Winding konzipierte 1989 für Stüber die Tratz-Forschungsstation und richtete dort ein populärwissenschaftliches Museum über die Hohen Tauern ein – ohne öffentlich spürbar zu hinterfragen, welche Art von Personenkult hier betrieben wurde.

Stüber war Initiator der Tratz-Station

Als gegen Ende der 1990er-Jahre amerikanische Nationalparkbehörden von dieser Tratz-Forschungsstation erfuhren, interessierten sich zunehmend internationale Beobachter für den Nationalpark Hohe Tauern und dort beobachtbare Zustände. Auch das war Ende der 1990er-Jahre mit ein Grund, weshalb die Station das erste Mal umbenannt wurde. Das offizielle Salzburg musste damit einen größeren Skandal und Schäden für Österreichs Image abwenden. Immerhin wurde hier ein leitender Mitarbeiter und Berater von Heinrich Himmler von der Zweiten Republik Österreich offiziell geehrt, die noch immer viel Steuergeld in den Standort steckt. Diese Schattenseiten kommen auch in der jüngsten „Aufarbeitung“ der Geschichte des HDN nicht vor. Die neue Ausstellung im Museum über seine Geschichte geht über das Ende der 1970er-Jahre kaum hinaus. Was in den Jahrzehnten danach geschah oder nicht geschah, konnte nicht näher dokumentiert und analysiert werden. Eine unabhängige, weisungsfreie und interdisziplinäre Untersuchungskommission fehlt in dem Biotop bis heute.

Kritiklosigkeit:  Wandel grüner Politik

Im Kielwasser der neuesten Entwicklung entdecken auch grüne Politiker neue Blickwinkel. Früher war ihre Partei bekannt für Kritik, wenn Österreichs traditionelle Gedächtnislücken von Nutznießern der Geschichtslosigkeit zu sehr gepflegt wurden. Im Zuge neuer Koalitionen und Karrieren hat sich das deutlich verändert. Im Fall der Tratz- bzw. Haus der Natur- bzw. Stüber-Forschungsstation in den Hohen Tauern spart nun die Salzburger Landeshauptmann-Stellvertreterin und Naturschutz-Referentin Astrid Rössler nicht mit Lob für die Akteure. Die oberste Salzburger Grüne spricht nun wörtlich von einer „Pioniertat ökologischer Grundlagenforschung“ und einer „visionären Entscheidung“, als vor genau 25 Jahren die Tratz-Forschungsstation im Nationalpark Hohe Tauern gegründet wurde. In der entsprechenden Aussendung der Salzburger Landeskorrespondenz vom 19. September 2014 fehlt jeder Hinweis auf die langen Debatten um die Station, die Vergangenheit des Naturkundemuseums „Haus der Natur“ und des SS-Naturforschers Tratz. Der propagierte einst die Ermordung von Behinderten und gab dem Rassen- und Tibetwahn des SS-Kriegsverbrechers Bruno Beger eine prominente Bühne.

3. EXKURS: Sicht des Museologen GOTTFRIED FLIEDL (Graz) auf die neue Ausstellung zur Geschichte des Hauses der Natur in Salzburg.