Massenmord

Der deutsche Tibetforscher und SS-Anthropologe Bruno Beger war tief verstrickt mit dem Salzburger „Haus der Natur“ und einer „wissenschaftlichen“ Forschungsstation, die die SS auf Schloss Mittersill im Salzburger Pinzgau betrieb. Beger wurde 1970 in Frankfurt am Main als Kriegsverbrecher verurteilt – wegen eines Massenmordes im KZ Auschwitz bzw. Natzweiler aus „wissenschaftlichen“ Gründen.

„Ich bereue nichts.
Ich war immer nur
ein fanatischer Wissenschafter.“

Bruno Beger, „Rassenforscher“ und Anthropologe der SS,
im Gespräch mit dem österreichischen Journalisten Gerald Lehner

Der 2006 verstorbene Bergsteiger Heinrich Harrer kannte als Mitglied von SS, NSDAP und SA neben dem deutschen Anthropologen und Tibetforscher Bruno Beger auch dessen SS-Kameraden gut, den deutschen Kameramann Ernst Krause. Der sollte 1943 im Konzentrationslager Dachau auf Anweisung Himmlers verbrecherische medizinische Versuche filmen. Gerald Lehner plante im Sommer 1997 für den Österreichischen Rundfunk nach den Publikationen über Harrer eine weitere Radiosendung. Lehner machte sich an diese Recherchen, weil er von dem damals 86-jährigen Bruno Beger für ein geplantes Buch herausbekommen wollte, wie tief der schweigsame Ex-SS-Mann und Bergsteiger Harrer in die allgemeine Tibet-Euphorie der Nationalsozialisten und militärische Pläne des Regimes für Zentralasien verstrickt war. Und wer war im Dunstkreis des SS-Reichsführers Himmler und seiner Wissenschafter mit Harrer befreundet oder bekannt? Neben solchen Fragen beschäftigte Lehner eine weitere Schlüsselfigur. Harrers Kontaktpersonen Beger und Krause hatten schon 1938/39 als Mitglieder einer SS-Expedition die tibetische Hauptstadt Lhasa erreicht; mehrere Jahre vor Harrer. Leiter dieser Erkundung war der schillernde Zoologe Ernst Schäfer, der nach Kriegsende der US-Armee ausführlich Rede und Antwort stand und nur knapp einer Anklage als Kriegsverbrecher entging.

Neben einem Geheimdienstbericht der USA über die vielschichtigen Tibet-Connections der SS sowie Forschungen des kanadischen Historikers Michael Kater und seines deutschen Kollegen Hans-Joachim Lang war Bruno Beger die wichtigste Informationsquelle des Journalisten Lehner. Dieser telefonierte 1997 mehrmals mit dem Deutschen. Daneben entwickelte sich mit Beger eine Korrespondenz. Dazu kam später ein persönliches Treffen. Und so ertappte sich Lehner fast schon bei freundschaftlichen Gefühlen für den Betagten. Als sie sich trafen, hatte Bruno Beger die knallharten Passagen seines Lebens schon Jahrzehnte hinter sich. 1970 war er mit einem SS-Komplizen in Frankfurt am Main angeklagt worden; nachdem sich Behörden Deutschlands und Österreichs 25 Jahre nicht um seine „wissenschaftlichen“ Aktionen in Tibet, Auschwitz, Straßburg und Natzweiler gekümmert hatten.

SS-Morde für die Wissenschaft: Geheimdienstbericht der USA

Das Frankfurter Gericht verurteilte Beger 1970 als Mitwisser eines 86-fachen Mordes von KZ-Häftlingen, die nach ihrer Deportation von Auschwitz in der Nähe des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof durch Giftgas umgebracht wurden. Beger erhielt die Mindeststrafe von drei Jahren Haft. Unter Anrechnung seiner Internierung nach Kriegsende und einer 1960 angeordneten Untersuchungshaft wurde ihm die verbleibende Strafe „wegen guter Lebensführung“ auf Bewährung erlassen, wie es in der Bundesrepublik Deutschland hieß. Seine Verstrickungen hatten mit der Teilnahme an Schäfers Tibet-Expedition begonnen, die 1938 aus Deutschland abreiste. Das Unternehmen stand unter Schirmherrschaft Himmlers im Dienst der „biologischen Auslandsforschung“, wie es hieß. Dem Journalisten Lehner liegt dazu eine umfassende Dokumentation des militärischen Geheimdienstes der USA vor – recherchiert in den National Archives von Washington DC bzw. Maryland. Die Amerikaner hatten SS-Expeditionsleiter Schäfer kurz nach 1945 verhaftet, verhört und die Ergebnisse für den internen Gebrauch bei der weiteren Fahndung nach mutmaßlichen Kriegsverbrechern publiziert. In dieser frühen Phase nach dem Krieg waren die US-Militärbehörden und die Washingtoner Regierung noch weit davon entfernt, verdächtige SS-Leute als Anerkennung für ihre antikommunistische Überzeugung nach Lateinamerika entwischen zu lassen. Der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion begann später.

Neben zoologischen und botanischen Untersuchungen wurden 1938/39 von Schäfers Expedition in Tibet „rassen- und völkerkundliche“ Arbeiten durchgeführt. Eine große Sammlung entsprechender Gegenstände, Kopf-, Hand- und Fuß-Abformungen, Gesichtsmasken, daktyloskopischen Tests und Blutgruppen-Dokumentationen sowie Körpervermessungen ergänzten das Programm. Nach seiner Rückkehr widmete sich Bruno Beger 1943 in Auschwitz ähnlichen Fragestellungen und biologisch-anthropologischen Vergleichen. Er half dem Straßburger Anatomen und SS-Offizier August Hirt bei der Auswahl von Juden in Auschwitz. 86 Frauen und Männer wurden später im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof für Hirts Studienzwecke ermordet. Weiters betrieb Beger eigene Untersuchungen an sowjetischen Kriegsgefangenen, die aus Zentralasien stammten. Solche Programme sollten den Nationalsozialisten helfen, ihre so intensiv propagierte Synthese von Natur, Mensch und Kultur aufzuzeigen. Beger hatte schon in Tibet viele Schädel und Gesichter von Einheimischen vermessen. Er wollte nachweisen, dass Tibeter und andere Zentralasiaten mit indogermanischen Ariern eng verwandt seien – ein abstruser Wunschtraum von Biologen, Rassisten, Sozialdarwinisten, Menschenkundlern und Zuchtfanatikern. Sie nahmen eine Völkerwanderung vorzeitlicher Herrenmenschen aus Nordeuropa über den Kaukasus, Iran und Tibet nach Indien als historische Tatsache an.

Schädelmessungen in Asien

Beger entwarf schon 1937, ein Jahr vor Abreise nach Asien, ein „anthropologisches Forschungsprogramm für Ost-Tibet“. Er empfahl die gezielte „Suche nach fossilen Menschenresten und Skelettresten früherer nordischer Einwanderer und die Erfassung der gegenwärtigen rassekundlichen Verhältnisse“. Dabei übernahm Beger die Theorie einer „nordischen Rasse“ in Zentralasien und Tibet von dem „Rassenforscher“ H.F. Günther. Dieser hatte ein im Dritten Reich sehr populäres Buch publiziert, an dem auch Beger mitarbeitete: „Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens“. Der deutsche Anthropologe vermutete eine „Zwischenstellung“ bei den Tibetern – zwischen der mongolischen und der europäischen „Rasse“. Das „europide Rassenelement“ zeige sich vor allem noch im tibetischen Adel, so Beger. Er forderte deshalb die „rassische Totalerfassung“ Tibets, wie er sich ausdrückte. Tibeter sollten laut SS-Chef Heinrich Himmler nach dem ‚Endsieg‘ des Dritten Reiches als ‚Bündnisrasse‘ eine wichtige Rolle in einem „panmongolischen Staatenbund“ unter der Führung Deutschlands und Japans spielen.

Im Frühling 1945 ging Himmlers führender Zoologe Ernst Schäfer bei Mittersill im Salzburger Oberpinzgau den amerikanischen Befreiern Österreichs ins Netz. Es dauerte, bis man ihn enttarnt hatte, denn der SS-Offizier ging mit falschem Namen in die Gefangenschaft. Seine Sammlungen hatte er in den letzten Monaten vor Kriegsende in dem Pinzgauer Schloss Mittersill deponiert. Im Februar 1946 wurde Schäfer vom Nachrichtendienst der US-Armee (Military Intelligence Service – MIS) neuerlich verhört. Die Spezialisten vermerkten in ihrem Bericht, dass sich Schäfer kooperativ verhalten habe. Demnach hatte er seine vor dem Krieg bestehenden internationalen Kontakte genutzt, um der SS und Heinrich Himmler zu dieser ersten deutschen Tibet-Expedition zu verhelfen. Seinen früheren Partnern in Philadelphia und London hatte Schäfer verschwiegen, dass er nun schon direkt in Himmlers Diensten stand. So reiste Schäfer noch im August 1936 nach London, um die Vogelsammlung des British Museum mit seiner eigenen zu vergleichen. Diese hatte er bei ersten Reisen in die Himalaya-Region angelegt. Sein amerikanischer Fachkollege und früherer Expeditionsgefährte Dolan hatte sie ihm aus Philadelphia nach Deutschland geschickt sowie eigenhändig ergänzt. Nach Rückkehr aus London wurde Ernst Schäfer von Reichsführer Himmler offiziell ins elitäre „Ahnenerbe“ der SS aufgenommen, jener pseudowissenschaftlichen Organisation, die den Nationalsozialismus theoretisch und praktisch untermauern sollte. Es folgte Schäfers Auftritt als Ehrengast beim Reichsparteitag der NSDAP 1936. Wenig später publizierte der Vogelkundler sein zweites Buch über den Himalaya: „Das Dach der Erde“. Im Frühling 1938 stand Schäfers Team für die Expedition nach Tibet fest. Er selbst übernahm naturgemäß den Fachbereich Zoologie, Karl Wienert die Geophysik. Außerdem sollte Wienert via Kurzwelle die Befehle Himmlers und seiner Sturmbannführer aus Berlin entgegennehmen. Ernst Krause kümmerte sich neben Fotografie und Filmerei um das Sammeln von Pflanzen für ein Herbarium. Edmund Geer war als technischer Leiter eingeteilt sowie als Präparator für erlegte Tiere. Und schließlich folgte Bruno Beger als Anthropologe, Geograph und stellvertretender Leiter.

Militärische Tibet-Erkundung

Während das Unternehmen in regionalen Zeitungen der Nationalsozialisten bereits propagandistisch ausgeschlachtet wurde, ahnten Schäfers britische Freunde noch immer nichts von den SS-Hintergründen. Schäfer flog nochmals nach London, um sich für Lhasa die Empfehlungen weltbekannter Asienforscher und britischer Militärs zu holen – von Colonel Younghusband, dem Erkunder des Mount Everest, von den königlichen Offizieren und Beratern Sykes, Anderson, Lord Zetland und Pryde-Hughes. Die Briefe dieser Männer wollte Schäfer am Hof des Dalai Lama vorlegen, um Eindruck zu schinden und zu schnellen Ergebnissen zu kommen. Am 19. April 1938 starteten die Deutschen. Ihre Schiffspassage nach Kalkutta dauerte bis Mitte Mai. Und nun ging zu Hause die Propaganda in die Offensive. In Deutschlands Medien erschienen groß aufgemachte Berichte mit Marschskizzen, auf denen es von Hakenkreuzflaggen und Bannern der SS über tibetischen Landschaften wimmelte. Nach einiger Zeit wurden britische und indische Zeitungen aufmerksam. Schäfers Team wurde von den Behörden Londons in Indien dennoch freundlich behandelt, wie der Expeditionsleiter 1946 den Verhör-Spezialisten der US-Armee in Salzburg mitteilte. Offenbar glaubten Großbritanniens Behörden noch immer an den streng wissenschaftlichen Charakter, den die SS propagierte. Um den allgemeinen Hass gegen den potentiellen Kriegsgegner Britannien zu schüren, verbreiteten deutsche Zeitungen andere Nachrichten. Unter Regie von Joseph Goebbels und Himmler wurde behauptet, die deutsche Expedition verlaufe höchst erfolgreich, obwohl „feindlich gesinnte“ und „degenerierte“ Briten zahlreiche Intrigen zu ihrem Scheitern angezettelt hätten.

Nachdem die fünf Deutschen das kleine Königreich Sikkim, einen Vasallen Indiens und Britanniens im Nordosten des Subkontinents, durchquert hatten, betraten sie bei dem Bergdorf Tarin erstmals tibetischen Boden. Die Strapazen bei der Überquerung hoher Pässe lagen bald hinter den Reisenden. Himmler hielt über Kurzwelle den Kontakt. Überliefert ist unter anderem diese Funkbotschaft zur Aufmunterung von Schäfers Team:

“Was den Briten ein Gentleman,
das ist für uns ein SS-Mann.“

Zu Weihnachten 1938 wurde Expeditionsleiter Schäfer über Funk zum Hauptsturmführer befördert. Am 19. Januar 1939 erreichte die Gruppe die tibetische Hauptstadt Lhasa. Sie hatte für den Transport hauptsächlich Pferde benutzt, weil die robusten Yaks der Einheimischen als zu langsam erschienen. Die fünf blieben zwei Monate in Lhasa. Sie trafen lediglich einen Regenten an, weil der 13. Dalai Lama, Vorgänger des gegenwärtigen Würdenträgers, 1934 verstorben war. Als Schäfers Team in Lhasa ankam, hatten sich buddhistische Würdenträger längst auf die Suche nach der Wiedergeburt des tibetischen Herrschers gemacht. Der heutige Dalai Lama lebte als Vierjähriger in der fernen Provinz Amdo, die trotz tibetischer Bevölkerung schon immer zu China gehört hat. Tenzin Gyatso war bei einfachen Bergbauern auf die Welt gekommen, ehe er als Inkarnation des 13. Dalai Lama anerkannt wurde.

Zu dieser Zeit gab es in Lhasa einen britischen Geschäftsträger, der die Interessen Londons und der indischen Kronkolonie im Süden des Himalaya vertrat. Hugh Richardson fungierte auch als Handelsdelegierter, und mit Sicherheit hatte er nachrichtendienstliche Aufgaben. Um seinen Einfluss auf den Regenten einzudämmen, hätten die Deutschen in Lhasa mit Erfolg versucht, Richardson in den Augen tibetischer Würdenträger zu blamieren. Das berichtete Schäfer nach dem Krieg dem US-Militärgeheimdienst. Der Regent in Lhasa überreichte den Deutschen einen persönlichen Brief an Hitler. Es gab auch edle Geschenke für Berlin, zum Beispiel die Tracht eines buddhistischen Würdenträgers sowie einen tibetischen Jagdhund. Die Hauptaufgabe dieser Expedition sei die Schaffung guter Kontakte zur tibetischen Regierung gewesen, berichtete Bruno Beger 1997 dem Journalisten Gerald Lehner in einem seiner Briefe.

Kampf gegen Briten von Norden her

Das Interesse der SS an Tibet und Zentralasien hatte nicht nur esoterische, ideologische oder naturwissenschaftliche Gründe. Schon seit langem versuchen Großmächte, das Machtvakuum auf dem „Dach der Welt“ zu nutzen, das durch die politisch schwachen Regierungen der Dalai Lamas seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestand. Immer wieder wurden von Russland, Großbritannien, China, Japan, den USA und Deutschland Kundschafter und Spione nach Zentralasien geschickt. Viele tarnten sich als Forscher und Alpinisten. Es ging auch um Nutzung möglicher Bodenschätze, und bei den Gegnern Londons um eine langfristige Aushebelung des britischen Weltreiches. Die Briten betrachteten Tibet immer als Puffer gegen die Interessen Chinas, Japans und der Sowjetunion. Indirekt zählte das Hochland seit langer Zeit zum Einflussgebiet. Großbritannien war es auch, das lange vor den Amerikanern den Mythos Tibets als verbotenes und verschlossenes Land förderte, um andere Ausländer am Eindringen zu hindern. London bereicherte die Szene mit zahlreichen Klischees der Esoterik, die auch der SS gut in den Kram passten und bis heute das westliche Bild Tibets beeinflussen. Gleichzeitig saßen Londons Agenten und Landvermesser seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Lhasa oder anderen Gebieten des tibetischen Reiches.

Als Ernst Schäfer mit seinen Gefährten im August 1939 nach Europa zurückkehrte, wurde er von Himmler in neue Pläne des „Ahnenerbes“ eingeweiht. Tibet sollte auf die Seite Deutschlands gebracht werden, um eines Tages von Norden und Nordwesten her eine Invasion gegen Indien zu starten; ein abstruser und völlig unrealistischer Plan. Ähnliche gab es auch für Persien und Teile des heutigen Pakistan. Und von Burma und Vietnam her sollte Deutschlands Verbündeter Japan das britische Empire in die Zange nehmen. Himmler habe sogar eine eigene Kriegsexpedition auf dem Landweg nach Tibet schicken wollen, teile Ernst Schäfer seinen amerikanischen Gesprächspartner im Verhör mit. Diese Pläne der SS entstanden zu einer Zeit, als die Sowjetunion über den Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin noch mit Deutschland verbündet war. Deshalb träumte Himmler davon, mit Hilfe der Russen deutsche Truppen nach Tibet zu bringen. Spezialeinheiten und Militärberater würden über sowjetische Eisenbahnen und Karawanenwege nach Tibet vordringen, ausgerüstet mit leichten Waffen, aber auch Maschinengewehren, Fliegerabwehrkanonen und Funkgeräten. Himmlers Wünsche wurden laut US-Geheimdienst von Wehrmachtsexperten als Phantastereien und Himmelfahrtskommandos eingestuft. Das führte zur Einstellung, wie aus dem US-Bericht hervorgeht. Eine der Ursachen sei gewesen, dass sich Ernst Schäfer ohne Wissen und Zustimmung von SS-Reichsführer Himmler mit hochrangigen Offizieren der Wehrmacht in Verbindung gesetzt hatte. Er wollte Gewissheit haben, wie das einzustufen sei. Die professionellen Taktiker und Strategen erteilten den Plänen ein vernichtendes Urteil. SS-Reichsführer Himmler – der Gartenkräuter-Experte, Homöopath, Esoteriker, Spießbürger, äußerst effiziente Massenmörder, treue Diener seines Oberbefehlshabers und unfähige Militärplaner – soll wegen Schäfers Alleingang zur Wehrmacht getobt haben.

Schäfers Show vor Massenmördern

Statt im Kampf mit britischen Truppen in Tibet oder Indien zu verbluten, konnte sich der SS-Zoologe Schäfer wieder seinen „wissenschaftlichen“ Aufgaben im Rahmen von Himmlers „Ahnenerbe“ widmen. Er hielt einen Vortrag bei Hitler; natürlich über Tibet, seine Flora, Fauna und Schädelformen. Weiters referierte er laut US-Geheimdienstbericht vor hohen SS-Führern, die Konzentrationslager in Polen befehligten. Darunter war auch der österreichische Massenmörder und SS-Chef des Distriktes Lublin in Polen. Odilo Globocnik aus Kärnten hatte zuvor als Gauleiter der NSDAP in Wien gewütet, bevor er zur Durchführung des Holocaust in den Osten abkommandiert wurde. Man entspannte sich laut Schäfer bei diesem Vortrag über die Schönheiten Tibets von den Belastungen des SS-Alltages. Durch Bemerkungen dieser Männer sei ihm erstmals bewusst geworden, so der Zoologe gegenüber dem amerikanischen Militärgeheimdienst, welche Verbrechen der Nationalsozialismus begehe. Auch nach Norwegen führte ihn eine Dienstreise, wo er Frontkämpfern von Wehrmacht und Waffen-SS von seinen Erlebnissen in Tibet erzählte. Weitere Expeditionen des „Ahnenerbes“ nach Tibet kamen wegen des Kriegsverlaufes nicht mehr zustande.

Menschenversuche im KZ Dachau

Im Oktober 1941 wurde Schäfer ins Konzentrationslager Dachau in Oberbayern abkommandiert, gemeinsam mit seinem SS-Kameramann Ernst Krause, den Heinrich Harrer nach seiner Rückkehr aus Tibet 1952 – seinen eigenen schriftlichen Angaben zufolge – sofort in München besuchte. Himmler hatte 1941 für das KZ Dachau medizinisch-biologische Menschenversuche angeordnet, nachdem bei der deutschen Invasion auf Kreta zahlreiche Fallschirmjäger an Lungen- und Hirnödemen erkrankt bzw. gestorben waren, den eindeutigen Anzeichen schwerer Höhenkrankheit. Diese bildet eine Todesgefahr für Extrembergsteiger und Flieger, die ohne Druckkabinen in großen Seehöhen unterwegs sind. Als der Naturwissenschafter Ernst Schäfer in Dachau ankam, zeigte ihm ein SS-Arzt einige durch Höhenkrankheit geschädigte Gehirne, die in Spiritusgläsern präpariert und konserviert waren. Diese Gehirne hatten KZ-Häftlingen gehört, die in einer speziellen Unterdruckkammer einer Simulation von extremen Seehöhen über längere Zeit ausgesetzt worden waren. Schäfers und Krauses Job sollte nun sein, bei weiteren Menschenversuchen verdeckte Filmaufnahmen zu machen; von jämmerlich zugrunde gehenden Häftlingen in der Unterdruckkammer. Simuliert wurde ein Fallschirmabsprung aus 6.000 Metern Seehöhe. Gegenüber der US-Armee behauptete Schäfer im Frühling 1945, er habe sich daraufhin krankgemeldet, um nicht an diesen Morden teilnehmen zu müssen. Weil ihm die Amerikaner glaubten, entging der bis dahin bekannteste Tibetforscher Deutschlands einer Anklage wegen Verdachtes des Massenmordes bzw. wegen möglicher Mitwisserschaft. Die Versuche wurden weiterhin durchgeführt.

Kontakte zu Beger

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges führten Schäfer weitere Expeditionen nach Afrika. Dort „forschte“ er mit dem belgischen König Leopold, mit dem auch Heinrich Harrer befreundet war und auf Reisen ging. Bis zu seinem Tod bestritt Heinrich Harrer, Ernst Schäfer jemals persönlich getroffen zu haben. Der Anthropologe Bruno Beger hatte dagegen ein großes Mitteilungsbedürfnis, das er auch mir noch zuteil werden ließ; glücklicherweise. Ich erfuhr dadurch einiges über Harrer und den Dalai Lama. Der frühere Wissenschafter in Himmlers „Ahnenerbe“ schickte mir am 27. August 1997 aus Hessen sein liebevoll gestaltetes Büchlein über den tibetischen „Gottkönig“. Beger ist ein großer Fan des Dalai Lama und von diesem – auch gemeinsam mit Heinrich Harrer – mehrmals empfangen worden. Das geschah zuletzt 1994 und war stets von sehr freundschaftlicher Atmosphäre geprägt, wie mir Beger mitteilte. Harrer dementierte alle Zusammenhänge vehement, als Lehner ihn darauf ansprach. Ansprechender Titel von Begers Buch: „Meine Begegnungen mit dem Ozean des Wissens“. Und als persönliche Widmung schrieb der Rassenfanatiker für Lehner, der seine Arbeiten nie bereut hat, auf die erste Seite:

“Für Ihre Arbeit über die Deutsche Tibetexpedition 1938/39 wünsche ich Ihnen guten Erfolg. Es wäre mir lieb, wenn Sie sie mich hören ließen. Ihr Bruno Beger“

Lehner ahnte nicht, wie ergiebig Beger als Quelle sein würde. Außerdem schilderte Beger ideologische und personelle Zusammenhänge zum Naturkundemuseum „Haus der Natur“ in der Stadt Salzburg aus erster Hand. Es handelt sich um eine frühere SS-Institution, wo der nationalsozialistische Rassenwahn gepredigt und vom Museumsleiter gegen behinderte Menschen agitiert wurde. Verstrickungen des Museums und seines Gründers Eduard Paul Tratz sind über Jahrzehnte der österreichischen Öffentlichkeit verschwiegen worden.

Der erste und einzige, der vor Lehners Recherchen intensiv über Zusammenhänge des „Dritten Reiches“ mit Tibet gearbeitet hatte, und dem die internationale Forschung entscheidende Hinweise verdankt, ist der kanadische Historiker Michael Kater von der York University in Toronto. 1992 hatte sich im Salzburger „Haus der Natur“ eine Schlüsselszene abgespielt. Sie kam mir in ihrer Bedeutung erst fünf Jahre später zu Bewusstsein. Die Szene hatte mit den Salzburger Festspielen zu tun. Es geht um den Sommer 1992. Für die Festspiel-Eröffnung dieses Jahres am 26. Juli war kein geringerer als der Dalai Lama eingeladen worden. In diesen Jahren laborierte ich noch an meiner unkritischen Verehrung des tibetischen „Gottkönigs“. Ich war noch tief in buddhistische Flugversuche verstrickt, die in meinem hoffnungslosen Fall zu vielem führten, nur nicht zur Erleuchtung. Besonders stolz war ich 1992 auf die Tatsache, dass der Dalai Lama bei einem Stadtrundgang auch das Salzburger „Haus der Natur“ besuchte – gemeinsam mit seinem Freund Heinrich Harrer. Sie besuchten eine Sonderschau, an der ich organisatorisch mitgewirkt hatte.

Verstrickungen

1991 zuvor hatten die Salzburger Geografin Karin Inmann, der Biologe Norbert Winding und Gerald Lehner eine Organisation gegründet, die sich Entwicklungszusammenarbeit mit Bergbauern und Nomaden in Nepal und Tibet zum Ziel gesetzt hatte: „Öko Himal“. Der Zahn der Zeit, Intrigen, Geschäftssinn und Eitelkeiten von neu hinzugekommenen „Experten“ und Konsulenten aus universitären Elfenbeintürmen haben diese Organisation „Öko Himal“ ebenso verändert wie der blinde Idealismus von damals. Jedenfalls bewar das Team 1992 im Salzburger „Haus der Natur“ den wissenschaftlich-technischen Öko-Verein noch mit eigenen Exponaten aus Himalaya-Regionen Nepals und Tibets sowie einigen Stücken aus Harrers wertvollen Privatsammlungen. Diese hatte der weltberühmte Autor und Freund des Dalai Lama für diese Sonderschau zur Verfügung gestellt. Harrer und Lehner ahnten nicht, auf welche Weise unsere Lebenswege weiter verbunden bleiben würden. Lehner hatte 1992 persönlich mit ihm kaum etwas zu tun; nur ein kurzes Händeschütteln vor Eröffnung der Tibet-Sonderschau.

Jedenfalls gefielen dem Dalai Lama und Heinrich Harrer die Exponate. Noch wesentlich mehr Interesse zeigte der „Gottkönig“ an der im Salzburger „Haus der Natur“ schon seit 1943 bestehenden Tibetschau. Millionen Menschen haben sie gesehen. Und wer war einst Gestalter bzw. Initiator dieses museologischen Evergreens? Erraten. Bruno Beger, der Lehner so freundlich gesonnene SS-Kriegsverbrecher, war 1943 für längere Zeit nach Salzburg gekommen, um die Schau zu arrangieren. In einem Brief an Lehner erwähnte er 1997 nicht ohne Stolz, wie viel Mühe er sich gegeben habe. Die Dioramen waren schon damals wichtiger Teil der „Großen Deutschen Tibetschau“. Sie wurde im Februar 1943 in Salzburg eröffnet. Auch Heinrich Himmler besuchte und lobte sie. Das Projekt entwickelte sich rasch zum Magneten für Besucher; auch deshalb, weil Wehrmachts-, SS- und NSDAP-Angehörige freien Eintritt hatten.

Weitere Spuren in Salzburg und die „Rassenköpfe“

Andere Teile seiner völkerkundlichen Sammlung und anthropologischer Abformungen aus Tibet stellte Expeditionsleiter Schäfer dem Salzburger Museum ab 1943 auf Dauer zur Verfügung. Dort überdauerten sie das Kriegsende und wurden bis in die späten 1990er-Jahre ausgestellt; kommentarlos, was ihre nationalsozialistische Herkunft betrifft. Sie sollten den, wie es im Dritten Reich hieß, „innigen Zusammenhang zwischen dem Menschen und seiner Umwelt“ optisch verdeutlichen. Ergänzt wurde die bizarre Schau durch Gips- bzw. Holz-Abformungen von „Rasseköpfen“, die ebenfalls über Jahrzehnte nicht entfernt wurden und ihre Wirkung im demokratischen Österreich weiter entfalten konnten. Sie waren im „Haus der Natur“ unter den Augen von demokratischen Politikern aller Schattierungen als „nordische, ostische, dinarische und jüdische“ Köpfe ausgestellt; ehe der Museumsleitung unter Eberhard Stüber dieser Boden doch zu heiß wurde. Es gab aus der Bevölkerung zunehmend Proteste. Darauf verschwanden diese „rassenkundlichen“ Exponate in den letzten Jahren von der Bildfläche. Nur Begers legendäre Tibetschau überstand alle Anforderungen der modernen Zeit bis heute.

Sie hat handwerkliche Qualitäten und besteht aus gut gestalteten „Dioramen“, in denen Alltagsszenen sowie rituelle Handlungen der tibetischen Bevölkerung dargestellt sind. Lebensgroße Figuren in Originalbekleidung sowie echte Exponate aus Tibet sind in schaufensterähnlichen Kojen mit dreidimensional wirkender Wandmalerei so kombiniert, dass große räumliche Wahrnehmung der tibetischen Landschaft entsteht. Solche Dioramen ziehen Museumsbesucher regelrecht in ihren Bann. Eine besondere Szene, die mich schon als Volksschüler im „Haus der Natur“ magisch anzog, zeigt in vielen Details eine so genannte „Himmelsbestattung“ im alten Tibet. Weil auf dem Hochland und in seinen kargen Schluchten keine Beerdigungen möglich sind und Holz für rituelle Verbrennungen fehlt, werden Verstorbene zerstückelt und Greifvögeln vorgeworfen. Sie verwerten Leichname fast vollständig, auch Knochen, Sehnen und Knorpel. Nichts soll und darf übrig bleiben. Auch die Schädel werden von professionellen Zerteilern schnabelgerecht zertrümmert. Solche „Himmelsbestattungen“ illustrieren die buddhistische Anschauung, dass nach dem Auszug der Seele aus dem Körper dieser nur noch wertlose Hülle sei. Ein Totenkult mit Gebeinen und Schädeln, wie er vom Katholizismus im Sinn der Auferstehung zelebriert wird, ist Buddhisten in ihrem Glauben an die seelische Wiedergeburt fremd.

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