„Tratz-Forschungsstation“

Die Affäre um die „Eduard Paul Tratz Forschungsstation“ im Salzburger Pinzgau zeigt, wie Politik, staatsnahe Wirtschaft, naturwissenschaftliche und private Netzwerke in Österreich zusammenarbeiten. Noch 1989 (!) wurde mit Geld des Staates und der halbstaatlichen Großglockner Hochalpenstraßen AG (GROHAG) im Nationalpark Hohe Tauern eine Forschungsstation nach Himmlers Berater benannt. Dazu wurde ein Tratz-Forschungspreis für junge Wissenschafter ins Leben gerufen.

„In freier Natur werden Krüppel
oder Missgeburten rücksichtslos ausgemerzt.
Der zivilisierte Mensch hat als Folge
seiner naturfremd gewordenen Verweichlichung
und Moralvorstellungen den klaren Blick
für solche Härte eingebüßt.“

Eduard Paul Tratz, Salzburger Naturforscher und SS-Obersturmbannführer (1888 – 1977)

Eduard Paul Tratz Forschungsstation
„Eduard Paul Tratz Forschungsstation“ mit alpiner Naturschau an der Großglockner Hochalpenstraße, die 1999 nach elf Jahren Betrieb in „Haus der Natur Forschungsstation“ umbenannt werden musste. Es hatte Medienberichte, eine längere ORF-Radiosendung bundesweit und öffentliche Kritik gegeben. Und auch in Übersee wurden Nationalpark-Experten hellhörig. Bild: grossglockner.at

Ahnungslosigkeiten

Die „Eduard Paul Tratz Forschungsstation“ bzw. „Haus der Natur Forschungsstation“ ist als wissenschaftliche Außenstelle für das Salzburger Naturkundemuseum „Haus der Natur“ gedacht. Weiteres wurde hier für Millionen Touristen eine Naturschau über Tiere und Pflanzen des Hochgebirges eingebaut. Für den Umbau des alten Straßenmeisterhauses an der Glocknerstraße im Hochgebirge der Tauern bei Fusch (Salzburger Pinzgau) wurden große Summen Steuergeld der Republik Österreich und des Landes Salzburg sowie Sponsorengeld der Großglockner Hochalpenstraßen Aktiengesellschaft (GROHAG) investiert. Fertigstellung: 1989. Dass der 1977 verstorbene Vogelkundler, Naturforscher und ehemalige SS-Obersturmbannführer Eduard Paul Tratz hier noch 44 Jahre nach Kriegsende offiziell zum Namenspatron und Helden von Naturwissenschaftern mutieren konnte, war eine Idee von seinem Salzburger Schüler. Dieser war ihm auch als Museumsdirektor im „Haus der Natur“ auf den Thron gefolgt: Eberhard Stüber, bis heute einer der größten Fans von Tratz. Und Stübers Nachfolger wiederum, der heutige Museumsdirektor Norbert Winding, stattete damals neben dem Labor des Hauses die neue und öffentlich zugängliche Ausstellung in der Tratz-Station mit naturkundlichen und museumspädagogischen Inhalten aus.

„Nichts gewusst“

Der promovierte Zoologe, Universitätslehrer und Vogelkundler Winding schien es wenig zu stören, wessen Namen dieses Projekt trug. Der Mann mit dem strahlenden Lächeln betonte noch im Spätherbst 2012 gegenüber dem Salzburger Journalisten Gerald Lehner, man habe eben „nicht gewusst“, was Tratz im „Dritten Reich“ getan habe. Lehner hatte Winding gefragt, warum dieser  dem Treiben so lange zugesehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon mehr als 30 Jahre zeithistorischer Forschung auf den Spuren seines Fachkollegen Tratz. Nachdem die naturwissenschaftliche Forschungsstation in 2.273 Metern Seehöhe mehr als acht Jahre in Betrieb war, war im Herbst 1999 plötzlich Schluss. Sie musste umbenannt werden. Es hatte öffentliche Kritik und Proteste gegeben. Zudem hatte es Anzeichen aus den USA gegeben, wonach die dortige Nationalparkbehörde ein scharfes Auge auf den Nationalpark Hohe Tauern geworfen hatte, wo nun eine Forschungsstation nach Himmlers Darling Tratz benannt worden war.

Katschthalers schützende Hand

Die Umbenennung geschah auf „Befehl“ des Salzburger Politikers Gerhard Buchleitner (SPÖ), der das Kuratorium des staats- und politiknahen Museumsvereines „Haus der Natur“ damals leitete. Neue und international weniger verfängliche Bezeichnung: „Haus der Natur-Forschungsstation“. Der Sozialdemokrat Buchleitner setzte diese Änderung gegen erheblichen Widerstand bei politischen Gegnern in der christlich-konservativen Partei (ÖVP) durch. Deren früherer Landeshauptmann Hans Katschthaler, ehemaliger Schüler von Tratz an der Mittelschule, hielt bis zu seinem Tod die schützende Hand über sein Idol und dessen Lebenswerk. Die Umbenennung erfolgte – nicht zuletzt wegen Katschthalers Widerstand – ohne nähere Information der Öffentlichkeit. Als früherer Landeshauptmann-Stellvertreter war sich der Sozialdemokrat Buchleitner bewusst, dass die Tratz-Forschungsstation zu internationaler Kritik an Österreich geführt hätte. Das Image Salzburgs als weltoffene Region von Kunst und Kultur stand auf dem Spiel. Die Salzburger Landespolitik reagierte mit der Umbenennung auch auf Informationen, die der kanadische Historiker Michael Kater, der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer und der Journalist Gerald Lehner recherchiert und publiziert hatten – zum Teil in ausländischen Medien, weil Salzburger Netzwerke einiges versuchten, um unabhängige Publikationen zu verhindern.

Freundeskreise

Das „Haus der Natur“ in Salzburg ist – laut Eigendefinition und Werbung – „eines der populärsten Naturkundemuseen Europas mit jährlich mehr als 200.000 Besuchern“. Es ist als öffentlich-rechtliche Institution und Verein organisiert und steht in direkter Abhängigkeit der Salzburger Landes- und Stadtpolitik. Diese versorgen das Museum reichlich mit Geld aus Steuermitteln – seit Jahrzehnten. Die Jahressubvention allein von der Stadt Salzburg betrug 2014 mehr als eine Million Euro. Dazu kommen noch Subventionen des Landes Salzburg und des Bundes. Hausintern und extern werden Aufträge und Projekte nicht selten im kleinen Kreis vergeben – an Leute, die zum Teil auch fixe Jobs im Museum haben oder hatten bzw. nebenbei Unternehmen betreiben. Auch enge Freunde des heutigen Museumsdirektors Norbert Winding treten beruflich und öffentlich dabei in Erscheinung – Biologen, die schon in ihrer Ausbildungszeit sehr enge und private Kontakte zu Winding pflegten. Dieser fungierte früher auch als wissenschaftlicher Betreuer für Diplomarbeiten und Dissertationen an der Universität Salzburg. Es gibt genügend Beispiele in ganz Österreich, wie die schwierigen Themen Transparenz, Unbefangenheit und Unabhängigkeit  interpretiert werden können. Der Salzburger Schriftsteller und Kabarettist Peter Blaikner nahm österreichische Normalitäten im Jahr 2014 als Inspiration für sein neues Kabarettprogramm. Titel:  „Freunderl sucht Wirtschaft“.

Politik schaute Jahrzehnte zu

Eine Art „Kontrolle“ über diese Institution übt  seit Jahrzehnten ein eigenes Kuratorium aus, besetzt mit Politikern, Ex-Politikern und Vertretern der sozialpartnerschaftlichen Interessensverbände Österreichs. In einem Zeitungskommentar für das „Salzburger Fenster“ hatte der Journalist Gerald Lehner vor Jahren die „Eduard Paul Tratz-Forschungsstation“ als „Schande für Österreichs Demokratie und ihre Erinnerungskultur“ bezeichnet. Tratz saß bis 1945 im persönlichen Stab von SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Trotz seiner jahrelangen Hetze und Propaganda gegen Behinderte und andere Minderheiten sowie seiner Teilnahme an Beutezügen des „Ahnenerbes“ der SS im besetzten Polen konnte er seinen Job als Museumsdirektor im „Haus der Natur“ ab 1949 ungehindert fortsetzen. Tratz wurde mit höchsten Ehren von Republik Österreich, Stadt und Land Salzburg bedacht. Politiker störte es über Jahrzehnte in diesem Land nicht, dass der SS-Offizier solche Thesen propagiert und verbreitet hatte:

„Das Leben des einen setzt häufig den Tod des anderen voraus. So war es immer, und so wird es immer sein; zumindest so lange die Erde Leben zeugt. Aus diesem ewigen Naturgesetz heraus hat jedes Lebewesen um sein Dasein zu kämpfen, gleichgültig, ob es Tier, Pflanze oder Mensch ist. Daher hat auch ein tüchtiger Mensch mehr Gegner als ein bedeutungsloser. Und wenn nicht, dann ist er eine Niete, die beseitigt werden muss.“

Dazu kam ein einschlägiges Büchlein, das sein Chef Himmler an alle höheren SS-Führer verteilen ließ. Und Tratz hatte – unter dem Titel „Kampf der Natur“ im Leitheft der SS-Reichsführung – auch das veröffentlicht:

„Störungen im Zustand des Werdens und Wachsens eines Wesens behindern es später in seiner vollen Lebensbetätigung oder machen es gar unfähig dazu. In freier Natur werden solche Krüppel oder Missgeburten daher rücksichtslos ausgemerzt. Der zivilisierte Mensch hat als Folge seiner naturfremd gewordenen Verweichlichung und Moralvorstellungen den klaren Blick für solche Härte eingebüßt.

Doch kann ein Volk an Körper und Seele nur dann gesund und kräftig bleiben, wenn es sich auch diesem Naturgesetz wenigstens in bedingtem Maße über Gefühlsregungen hinweg unterstellt. Entsprechend dieser bestehenden organischen Ganzheit haben wir auch den Staat als einheitliches, in sich geschlossenes Lebewesen zu betrachten. Als eine blutmäßig, seelisch und geistig gleichgerichtete Volksgemeinschaft.“

Echos in USA & Kanada

Wie Politiker von Stadt und Land Salzburg sowie der Republik Österreich mit dem Naturkundemuseum „Haus der Natur“ umgehen, wird auch in den USA und Kanada mit Interesse verfolgt – nicht nur von Politikern, Nationalparkbehörden und Wissenschaftern. Die kanadische Autorin und Wissenschaftsjournalistin Heather Pringle berichtet in ihrem 2006 erschienenen Buch über das „Ahnenerbe“ der SS ausführlich über Eduard Paul Tratz und seine Institution. Pringle erwähnt, dass Tratz noch immer mit einer Bronzebüste gehuldigt werde, die im Salzburger „Haus der Natur“ aufgestellt sei. Mittlerweile hat die Museumsführung diese Büste nach öffentlichen Protesten und auf Anweisung von Politikern entfernt. Und dass Schulkinder bei Besuchen im Museum keine ergänzenden und tiefgründigen Informationen über den Kriegsverbrecher und Anthropologen Bruno Beger zu Gesicht bekämen, der mit Museumsgründer Tratz im „Ahnenerbe“ der SS eng zusammenarbeitete, ist für Pringle ebenso unverständlich. Die Kanadierin erwähnt auch, dass große Teile der von Tratz initiierten nationalsozialistischen „Rassenschau“ im „Haus der Natur“ bis in die 1990er-Jahre zu sehen waren. Und sie verweist auf Raubzüge des Museumsgründers im besetzten Polen. Damals wollte Tratz seine Salzburger Institution mit Beutestücken aus polnischen Museen und Institutionen aufwerten und seinen Fundus im „Haus der Natur“ für rassistische und „rassenpolitische“ Ziele ergänzen.

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