Euphemismen

Eduard Paul Tratz. Foto aus dem Dankbillet zu dessen 80. Geburtstag - von seinem Schüler, Freund und Nachfolger Eberhard Stüber. Vergrößerung: Anklicken.

Foto aus dem Dankbillet für Eduard Paul Tratz, zu dessen 80. Geburtstag – von seinem Schüler, Freund und Nachfolger Eberhard Stüber. Vergrößerung: Anklicken.

Das Internet-Lexikon einer regionalen Zeitung heißt „Salzburgwiki“. Es bietet seit 5. Jänner 2013 (Bild unten mit dem Stand von 8. Juli 2013) einige Einblicke. Das betrifft auch die Art und Weise, wie sich Salzburger Biologen und Vogelforscher (eine Fachfrau ist als Quelle des Salzburgwiki-Artikels angegeben) und der Salzburger Politiker Hans Katschthaler (ÖVP) eine „korrekte“ bzw. „gerechte“ Beurteilung von Museumsgründer Eduard Paul Tratz vorstellen. Katschthaler war bis zu seinem Tod ein politisch mächtiger Verteidiger seines Ex-Lehrers Tratz. Und der im Wiki-Artikel erwähnte Vogelforscher Robert Lindner leitet das (gegenüber der Parteipolitik) weisungsgebundene Arbeitsteam im Salzburger „Haus der Natur“, das die Geschichte der halbstaatlichen Institution aufarbeiten soll – eine Gründung von Tratz.

Euphemismen: Tratz gerecht beurteilen?
Generell kommt in „Salzburgwiki“ das Thema der nationalsozialistischen Verbrechen durch Biologen und Vertreter anderer Disziplinen nicht vor. Der Artikel über „Vogelforschung“ in Salzburg ist in Bezug auf Eduard Paul Tratz nicht besonders ausgewogen sondern eher eine detailverliebte Lobhudelei. Die NS-Verstrickungen von Tratz werden beiläufig und kurz erwähnt, seine Tätigkeiten in der SS gar nicht. Ganz verschweigen lässt sich der Komplex nicht, weil in der Öffentlichkeit mittlerweile zu viel bekannt ist: Der frühere Direktor im „Haus der Natur“ mutiert in diesem Artikel zum Mann mit „ausgeprägt nationalsozialistischer Gesinnung“. War Tratz demnach also – wenn schon kein harmloser Mitläufer – eine Art „Otto Normalverbraucher“ der NS-Bewegung, wie es bis 1945 in Österreich und Deutschland viele Millionen gab?

Vergrößerung zum Lesen: Anklicken. Aktuelle Eintragung in "Salzburgwiki" über Vogelforschung im Bundesland Salzburg und ihre Pioniere.

Vergrößerung zum Lesen: Anklicken. Aktuelle Eintragung in „Salzburgwiki“ über Vogelforschung im Bundesland Salzburg und ihre Pioniere.

Dass der Vogelforscher auch ein manischer Sammler, notorischer Rassist, Sozialdarwinist, Hetzer und berüchtigter Publizist, enger Mitarbeiter von Himmler, hoher SS-Offizier und Prediger der Behindertenvernichtung war, wird im Salzburgwiki mit keinem Wort erwähnt oder auch nur angedeutet. Es geht ja „nur“ um Vogelkunde bzw. Ornithologie. Und dass Tratz nur eine „ausgeprägt nationalsozialistische Gesinnung“ hatte, das wird in einem Satz und Atemzug erwähnt mit dem Verweis, dass es die (grüne) Salzburger Bürgerliste gewagt hat, diesen tollen Pionier der Vogelberingung in Frage zu stellen. Fast beklagend heißt es im „Salzburgwiki“ dazu noch wörtlich und in direktem Bezug, die „unbestrittenen Leistungen“ von Tratz würden nun nicht mehr öffentlich erwähnt.

Ja! Zensur!
Eine bodenlose Ungerechtigkeit?! Sollte man nicht endlich auch in Schulen und Museen erwähnen, dass Adolf Hitler nicht nur schlechte Seiten hatte? Faktum ist doch auch: Er bzw. seine Arbeiter bauten die Autobahnen. Und zählt zu seinen „unbestrittenen Leistungen“ nicht auch, dass er ein guter Kunstmaler war, eine passable Arbeitsmarktpolitik betrieb, endlich Ordnung ins gesellschaftliche Chaos brachte und mit den Ladendieben aufräumte? Und Heinrich Himmler erst! Nun ja, er hatte auch Fehler. Aber warum verschweigt man der heutigen Schuljugend, dass er ein Pionier der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der modernen Hühnerzucht, Naturheilkunde und Homöopathie war? Seine Liebe zur „Natur“ zeigte Himmler auch durch den Bau einer der ersten, wirklich leistungsfähigen Kläranlagen – vollbiologisch! Er wollte damit die Flüsse Schlesiens schützen und ließ sie von seinen SS-Ingenieuren direkt im riesigen Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau errichten.

Im Ernst: Diese Überspitzungen sollen verdeutlichen, dass gerade bei SS-Führern höchste Vorsicht geboten sein muss. „Unbestrittene Leistungen“? Nach neuesten Informationen liegt es nahe, dass es sich bei dieser hier kritisierten Beurteilung von Tratz und seiner “Vogelforschung” in “Salzburgwiki” um eine verunglückte Formulierung handeln dürfte. Oder es könnten mangelnde bzw. einseitige Recherche oder das Ignorieren von längst international bekanntem und publiziertem Wissen sein. Mit Sicherheit ist es kein Lob für Tratz durch Leute, die selbst nationalsozialistisches Gedankengut pflegen würden. Die Autorin von “Salzburgwiki” hat sich mittlerweile gemeldet und dagegen protestiert, dass dieser Eindruck durch dieses Blog hier entstehe. Deshalb soll noch einmal betont werden, dass mit der Kritik an ihren Zeilen bzw. ihrer Dramaturgie und Qualität der Darstellung nicht gemeint ist, heutige Akteure im Salzburger “Haus der Natur” oder dessen Umfeld oder bei „Salzburgwiki“ würden NS-Gedankengut pflegen. Allerdings legt in diesem Web-Netzwerk auch der Artikel über das „Haus der Natur“ selbst den Eindruck nahe, dass hier Lobbies kräftig mitmischen, um die eigene Sicht auf Museumsgründer Tratz zu propagieren bzw. einige Fragen und Ungereimtheiten der so genannten „Aufarbeitung“ im „Haus der Natur“ selbst nicht zu thematisieren.

Wenn sich Naturwissenschafter – zum Beispiel aus Biologie und Medizin – mit Zeitgeschichte und dem politischen bis verbrecherischen Anteil ihrer Disziplinen befassen, dann lassen sich seit Jahrzehnten vielschichtige und fragwürdige Dinge beobachten. Bei der Verteidigung „wissenschaftlicher“ Idole läuft in solchen Kreisen einiges unter den Schlagworten “Objektivität” und “Ausgewogenheit” und „Fairness“ und „Korrektheit“. Und abweichende bzw. kritische Blickwinkel auf Wissenschaften und ihre bizarre(n) Geschichte(n) seien Ideologie, heißt es gegen Kritiker. Die Vorstellung, man sammelt mechanistisch Daten und Fakten und drückt dann auf einen Knopf des Roboters, um die endgültige „Wahrheit“ herauszubekommen, zieht sich durch solche Arten von „Wissenschaft“. Dass ein demokratisches Staatswesen den Mut zu grundlegenden Werten, Interpretation von Geschichte und zur Verteidigung von grundlegenden Freiheiten und Menschenrechten haben muss, sollte dabei allerdings vorausgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass sich eine offene Gesellschaft keine SS-Offiziere, Rassisten und Sozialdarwinisten – die sich nie entschuldigt haben und Kritiker unter Druck setzten – als Idole leisten kann und auch nicht leisten soll. Die so genannte „Rehabilitierung“ von Tratz im Jahr 1949 durch die Salzburger Landespolitik war eine Alibi-Aktion bzw. im Eigennutz der Parteien. Das lässt sich aus der zeithistorischen und politikwissenschaftlichen Forschung ausführlich beweisen. Damals gliederten ÖVP und SPÖ in Österreich auch schwer belastetete Nationalsozialisten wie Tratz bewusst wieder in den politischen Prozess ein, um Millionen Wählerstimmen von zurückkehrenden Kriegsgefangenen aus Hitlers „Wehrmacht“ und SS jeweils für sich selbst generieren zu können. Dazu kam der Kalte Krieg mit vielen politischen Geschenken an ehemalige SS-Führer.

Die Realitäten in Salzburg sehen seit Jahrzehnten so aus: Das politisch-demokratische Establishment unter Führung von ÖVP und SPÖ verschwieg die Mitarbeit des Naturforschers Eduard Paul Tratz in höchsten Netzwerken des nationalsozialistischen Regimes. Daneben wurden eine öffentliche Heroisierung und ein Personenkult betrieben. Generationen von Lehrern und Biologen wurden von Tratz und Eberhard Stüber ausgebildet, seinem Nachfolger als Direktor im „Haus der Natur“, Professor und Ausbildner von Lehrern an der Pädagogischen Akademie Salzburg sowie Landesumweltanwalt der Salzburger Landesregierung.

Amtliche Gedächtnislücken

Vergrößerung zum Lesen: Anklicken. Quelle = Zaisberger, Friederike: Dr. h. c. Eduard Paul Tratz. In: Baumgartner Johann: Über den Tod hinaus - Prominente im Salzburger Kommunalfriedhof Selbstverlag der Salzburger Gesellschaft für Landeskunde. Salzburg 2006.

Vergrößerung zum Lesen: Anklicken. Quelle = Zaisberger, Friederike: Dr. h. c. Eduard Paul Tratz. In: Baumgartner, Johann: Über den Tod hinaus – Prominente im Salzburger Kommunalfriedhof. Selbstverlag der Salzburger Gesellschaft für Landeskunde. Salzburg 2006.

In diesem Klima brachte Friederike Zaisberger, Historikerin, frühere Leiterin des Salzburger Landesarchivs und hohe Beamtin der Landesregierung, noch im Jahr 2006 ein besonderes Kunststück zustande. Sie schrieb für ein zeit- und kunsthistorisches Buch über die Geschichte des Salzburger Kommunalfriedhofes und dort bestattete Prominente einen Beitrag über Tratz – ohne jeden Hinweis auf die Rollen des Geehrten in führenden Kreisen des nationalsozialistischen Regimes, dem pseudowissenschaftlichen SS-Netzwerk „Ahnenerbe“ und als vielgelesener Autor von Publikationen, die Heinrich Himmler an zahlreiche höhere SS-Führer schicken ließ. Solche Texte wie den von Zaisberger gibt es – in verschiedenen Formen und Längen – auch von anderen Autoren. Sie dokumentieren die wissenschaftlich, politisch, amtlich und halbamtlich verordneten bzw. geförderten Gedächtnislücken im Land Salzburg.

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